AFF - SICHTBETON FÜRS RENAISSANCESCHLOSS - Kunstjahr2008_BL1
AFF - SICHTBETON FÜRS RENAISSANCESCHLOSS - Kunstjahr2008_BL2
AFF - SICHTBETON FÜRS RENAISSANCESCHLOSS - Kunstjahr2008_BL3

Die internationale Architekturszene weitet sich aus. Die Global Player unter den Architekten blicken nach Osten. Dort , am Persischen Golf, am Chinesischen Meer und selbst die so wenig weltgewandten deutschen Baumeister den Verlockungen, die jene Regionen scheinbar ungebremsten Wachstums zu bieten scheinen. Noch allerdings überwiegen die Risiken, und nur die potentesten Büros wie von Gerkan, Marg und Partner oder Albert Speer junior können zum Beispiel in China erfolgreich agieren. Mit Ausnahmeprojekten glänzen in Peking bloß die internationalen Stars wie der Rotterdamer Rem Koolhaas mit dem CCTV- Fernsehzentrum oder die Basler Herzog und de Meuron mit dem Olympiastadion, dem spektakulären „Vogelnest“ für 100 000 Zuschauer (siehe Seite 258 bis Seite 263). Doch wer hat schon bemerkt, dass neben dieser aufsehenerregenden Sportstätte ein immerhin 17 000 Besucher fassendes „indoor Stadium“ entstanden ist, das ein Deutscher, der Nürnberger Architekt Thomas Glöckner, gebaut hat. Zu brav seine Fassade, als dass der Bau sich bemerkbar machen könnte; die attraktivere Blob- Haut ist ihm aus Kostengründen gestrichen worden, sozusagen als Kollateraleffekt der dramatischen Kostensteigerungen beim Stadion. In Deutschland rauschte unterdes das Thema „Bauen für Despoten“ mächtig durch den Blätterwald. Angestoßen durch den erstaunlichen Wettbewerbsgewinn der Berliner Architekten Léon Wohlhage Wemik in Tripolis, o sie angetreten sind, für den libyschen Machthaber Muammar al- Gaddafi ein neues Regierungsviertel zu bauen, und befeuert von den Unruhen in Tibet, die China in die Nähe der Schurkenstaaten rückten, wurde das Thema vom „Spiegel“ hochgekocht. Plötzlich sahen sich deutsche Architekten vor die Frage gestellt, ob es moralisch vertretbar sei, Despotenregimen mit repräsentativen Bauten zum Ausdruck und Ansehen zu verhelfen. Sie bauten ja keine Herrschaftsarchitektur á la Speer senior und trügen nur zum kulturellen Austausch bei; schließlich sei es sinnvoll, deutsche Baukultur sowie deutsche Normen und Vorschriften in die Schwellenländer zu exportieren, konterten die zu inquisitorischen Podiumsdiskussionen Vorgeladenen. Und niemand zeigte mit dem Finger auf die Exportindustrie, die Geschäftemacher und wer sonst noch alles diese Regime unterstütze, wehren sich die Baukünstler zu Recht. So verlief die typisch deutsche Kontroverse im Sande.

Sichtbeton fürs Renaissanceschloss

Das Architekturgeschehen in Deutschland war im vergangenen Jahr wieder einmal von zahlreichen strahlenden Museumsneubauten dominiert (siehe auch Seite 156 bis Seite 176). Im erzgebirgischen Freiberg beeindruckten die jungen Berliner Architekten AFF mit der Wiederbelebung des zwei Jahrhunderte als Getreidespeicher missbrauchten Renaissanceschlosses Freudenstein als Bergbauarchiv und als Museum „Terra Mineralia“ , der spektakulären weltgrößten Mineraliensammlung. Mit den Einbauten aus Sichtbeton und einem grellen Farbkonzept stellten sie die Toleranz der sächsischen Bauverwaltung und die Freiberger auf eine harte Probe. In Berlin machten private Galerien furore. Heimer Bastian ließ sich von David Chipperfield vis á vis der Museumsinsel ein nobles Schauhaus entwerfen und feierte bei der Premiere die im Berlin vernachlässigten Damien Hirst und Walter Pichler. Neben dem Deutschen Theater in der Reinhardtstraße fand der Wuppertaler Werbedesigner Christian Boros eine Bleibe für seine Sammlung. Das Architekturbüro Realarchitektur nahm sich einen bislang wenig genutzten Hochbunker aus dem Jahr 1942 vor und schuf in dem klassizistisch dekorierten Betonkoloss sensationelle Räume für moderne Kunst, die zum Teil als Auftragsarbeit an situ entstanden ist. Als Schmankerl gab es noch obendrauf ein traumhaftes Penthouse als Hauptstadtdependance das Sammlers. Moderne Kunst beherbergte inzwischen auch das ehemalige Dieselkraftwerk in Cottbus (Seite 168/169). Der wunderbare Backsteinbau von 1928, stilistisch an der Grenze vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit stehend, spiegelt sich malerisch im Mühlteich, fast wie ein romantisches Schloss aus der Schinkelzeit. Anderhalten Architekten aus Berlin konvertierten das Ensemble zum Museum für moderne Kunst. Die leergeräumten Industriehallen mit den hohen schlanken Fensterbahnen hatten zwar faszinierende kathedralhafte Räume, aber zu viel Licht, keine Wärmedämmung und kaum Hängeflächen zu bieten. Die Lösung versprach das Haus- im- Haus- Prinzip. In die Maschinenhalle und in die Umformerhalle, wo bis 1955 der 1500- PS- Diesel und die Transformatoren brummten, stellten die Architekten Betonkuben ein, die von den Umfassungswänden Abstand halten und in denen nun Ausstellungssäle mit optimaler Beleuchtung und Klimatisierung organisiert werden konnten. Technische Relikte, Stahltüren, Handräder, Inschriften und Isolatoren erinnern an das frühere Leben das Hauses. Der Hof zwischen Umformerhaus und Schalthaus wurde mit einer Betonmauer geschlossen und mit einem klaren Glasdach überdeckt. Er ist nun taghelles Foyer, Empfang, Treppenhaus, Orientierungs- und Verteilerzone in einem. Die „kleine Tate Modern“ an der Spree in Cottbus ist eine mächtige Herausfoderung für die Direktorin Perdita von Kraft, mit gewichtigen Austellungen dem Anspruch der Architektur gerecht zu werden.

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