Fusion Architecture - über den Umgang mit dem Bestand
Der Trend ist seit knapp zehn Jahren eindeutig: Der Schwerpunkt der Bauinvestitionen liegt im Bestand. Es geht dabei nicht mehr nur um alte, gar bauhistorisch bedeutende Bausubstanz. Vielmehr steht in Deutschland und Europa ein Gebäudebestand auf dem Prüfstand, der zwischen 1950 und 1980 gebaut wurde. Die Belange des Denkmalschutzes rücken dabei weitgehend in den Hintergrund.
Die architektonische Auseinandersetzung mit dem Bestand bezog sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie auf das bauliche Erbe aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei haben sich bewährte Routinen der Nutzungsfindung und der Gestaltung herausgebildet, deren Grundlage die Knappheit und die Werthaltigkeit des Alten war. Es wurde angestrebt, möglichst nur solche neue Nutzungen in dem alten Gebäude zuzulassen, die mit dem Erhalt des Bestands vereinbar waren. Stilbildend für einen zeitgemäßen Umgang mit alter Bausubstanz war vor allem Carlo Scarpa. Sein Museumsumbau des Castel Vecchio in Verona aus dem Jahre 1964 kann als die Inkunabel einer modernen Umnutzungsarchitektur in Europa betrachtet werden. Grundlegend ist dabei die Vorstellung, dass Alt und Neu im umgebauten Objekt in einem Collage-Prinzip von Schichtung und Fuge ihren Ausdruck finden. Dass der Umgang mit historischem Bestand auch ganz anders aussehen kann, wird bei dem im Herbst 2007 eröffneten Diözesanmuseum in Köln (Architekt: Peter Zumthor) deutlich: Das Alte wird in seinen unterschiedlichen Bestandteilen buchstäblich vereinnahmt und mit dem Neuen zu einem neuen großen Ganzen verwoben. Vor 10 bis 15 Jahren hätte man bei einer solchen Bauaufgabe wohl kaum eine Alternative zu einer respektvollen Distanz zum Alten und einer kontrastierenden Inszenierung gesehen. Nicht wenige sehen in diesem Bau daher deutliche Anzeichen eines Paradigmenwechsels im Umgang zeitgenössischer Architektur mit historischer Bausubstanz.
Aktuelle Gestaltungsstrategien
Die konturlose Vereinnahmung des Bestandes erscheint bei historischen Gebäuden bisher noch als ungewohnte Option. Anders stellt es sich beim Umgang mit der vielfach profanen und funktionalistisch ausgerichteten Gebäudesubstanz aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar, die jetzt zum Umbau ansteht. Dort ist der Differenzstrategie "Alt gegenüber Neu" die entscheidende Basis entzogen: das Besondere und Hervorhebenswerte des Bestandes. Entsprechend zeigt sich in jüngst realisierten Projekten eine veränderte ästhetisch-gestalterische Grundhaltung: Der Bestand wird zum frei verfügbaren Material für die Erzeugung eines "Neuen Ganzen". Der Denkmalschutz spielt meist eine untergeordnete oder gar keine Rolle. In einer ersten Annäherung lassen sich vier verschiedene konzeptionelle Zugänge zum Gebäudebestand als "Material" identifizieren. Sie bieten sich nur selten in reiner Form dar, häufig verschränken sich mindestens zwei dieser Strategien.
Die Strategie des Ertüchtigens
Diese Strategie ist gekennzeichnet von einer durchgreifenden Modernisierung des Bestands, der vom Altbau meist nur den nackten Rohbau erhält und eine neue Raumdisposition, Haustechnik und Fassade aufbaut. Im Erscheinungsbild des Gebäudes sowohl in der Innen- wie der Außenansicht ist nicht mehr ablesbar, ob es sich um einen Neubau, eine Modernisierung, einen Umbau oder eine Umnutzung handelt - und darauf wird auch kein Wert gelegt. Stellvertretend für diese Tendenz steht das Gebäude der Münchner Rück in München aus dem Jahre 2002. "Das Haus hat einen Umbau hinter sich, sieht aber aus wie neu." Trefflicher als der Eigentümer selbst könnte man die Wandlung des Hauptsitzes der internationalen Versicherungsgesellschaft nicht beschreiben - aus einem Waschbeton-Komplex ist ein Glashaus geworden. Ähnliche Vorgehensweisen zeigen sich auch im Umgang mit einer Vielzahl von Eigenheimen aus den 1950er- und 1960er Jahren. Hier kann man durchaus von einem inzwischen breiten Trend des lustvollen gestalterischen "Eigenheimtunings" sprechen. Während es sich in diesen Fällen trotz aller Veränderung "nur" um eine Instandsetzung handelt, geht die Ertüchtigung oft auch mit einer Nutzungsänderung einher - so etwa im Falle des "Rotunda"- Bürohauses in Birmingham, einer denkmalgeschützten Ikone der 196oer-Jahre-Architektur. Im Mai 2oo8 wurde das Gebäude nach kompletter Erneuerung als Apartmentturm wiedereröffnet und bildet weiterhin die "Stadtkrone" der zweitgrößten Stadt in England. Der Umbau alter Bürobauten zu Wohnungen scheint generell ein neuer Trend, der in England und in den Niederlanden bereits Fahrt aufgenommen hat.
Strategie der Überformung
Bei Strategien der Überformung bleibt der Altbestand im neuen Gesamtbild erkennbar, obwohl er weitgehend verändert wurde. Oft liegt dann vor allem in der Transformation des Seriellen etwas bizarr Eigenwilliges - eine Art Ausbruch aus dem Unscheinbaren. Umbauten lesen sich dann nicht selten wie ein ironischer Kommentar auf die jüngere Bau- und Kulturgeschichte. Aus der Belanglosigkeit des Massenprodukts werden neue ästhetische Codes entwickelt; das vormals Serielle wird "unikatisiert". Prototypisch für dieses Vorgehen steht die Transformation der Saint Lucas Kunstakademie in Boxtel (NL) durch das Londoner Büro FAT (Fashion Architecture Taste). Wenn die Fassade der bislang weitgehend gesichtslosen Schule mit betont dekorativen Versatzstücken überformt wird, ist dies nicht nur eine Baumaßnahme, sondern Teil einer Neupositionierung der Schule insgesamt, die ihr Identität und Eigensinn verleihen soll. Die französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal plädieren immer für mehr Raum statt höherwertiger Ausstattung. "Niemals abreißen, nichts wegnehmen oder ersetzen, sondern immer addieren, Teile transformieren und umnutzen. "Viele ihrer Projekte lassen sich als programmatische Umsetzung dieses Leitspruchs betrachten - egal ob es um den Umbau von Kulturbauten wie dem Palais de Tokyo in Paris geht oder um Wohnhochhäuser in der Banlieue. Zur Kategorie der Überformung zählt auch der Umbau der Dornbuschkirche aus den 1960er-Jahren in Frankfurt, der mit dem Wüstenrot-Gestaltungspreis 2oo6 ausgezeichnet wurde.
Strategie des Adaptierens
Die konzeptionellen und gestalterischen Lösungen bei der Strategie des Adaptierens beziehen ihre Rechtfertigung aus der Sperrigkeit der Substanz, auf der sie im gelungenen Fall gerade ihren besonderen Reiz des Einzigartigen aufbauen. Diese Vorgehensweise geht in aller Regel mit einer Umnutzung einher, dem die technischen Großbauten mit schierer Größe, spezialisiertem Raumprogramm und spröder Materialität gewöhnlich starken Widerstand entgegensetzen. Da ein Abriss zu teuer war, hat sich die Stadt Nazaire entschlossen, Teile eines U-Boot-Bunkers mit seinen 14 Hallen und insgesamt 20 Liegeplätzen für kulturelle Nutzungen herzurichten. Zunächst wurde in einem Teil das Transatlantik- Museum eingerichtet, bevor 2007 die Kammer "Alvéole 14" zu einem Zentrum für neue Kunstformen umgebaut wurde - mit einer U-Boot-Kammer als riesigem Veranstaltungsraum und einem kleineren Bühnensaal, beide für experimentelle Theater-, Tanz- und Musikaufführungen. Die Architekten haben sich auf karge bauliche Eingriffe beschränkt, die dem bizarren und einschüchternden Raumeindruck der Kammern nichts von seiner Wucht nehmen. Das Galerienhaus ads1a in Köln befindet sich lesbar in einer alten "Maschinenhülle". Das vormalige Umspannwerk hat sich durch wenige bauliche Anpassungen zu einem Ausstellungsgebäude für zeitgenössische Kunst gewandelt. Die Betonfertigteile in der Fassade wurden mit transparenten Plexiglaskuppeln ergänzt, und im Nebeneinander der beiden Industrieprodukte ergibt sich eine eigene, neue Lesart.
Strategie des Einnistens
Der Übergang von der Strategie des Adaptierens zu der Strategie des Einnistens ist fließend. Hier machen sich die neuen Nutzer ein überschüssiges Raumangebot für eigene Zwecke zunutze. Eine Gemeinsamkeit der Projekte liegt im ausgeprägten Erkennen und Ergreifen von Gelegenheiten, die der verfügbare Raum bietet. Die Projekte sind teils auf Dauer mit bleibenden baulichen Eingriffen angelegt, teils von vornherein befristet mit revidierbaren Arrangements. Der Altbau bleibt vielfach in seinen physischen Eigenschaften so dominant, dass die Veränderungen durch die baulichen Eingriffe deutlich in den Hintergrund rücken. Das Einnisten ist keine grundsätzliche Frage des Maßstabs. In der größten freitragenden Halle der Welt in Krausnick, 6o km südlich von Berlin, sollten urspr-ünglich Cargo-Lif- ter gebaut werden. Heute sind in der Montagehalle die "Tropical Islands" untergebracht, die größte überdachte Freizeitlandschaft Europas. Statt vom Luftschiff ist der Ort jetzt geprägt von Regenwald, Tropendorf, Bali-Lagune und der längsten Wasserutsche Deutschlands. In unmittelbarer Übernahme subkultureller Gestaltungscodes praktiziert die exklusive Modefirma Comme des Garcons das Einnisten im viel kleineren Maßstab: Sie verkauft seit 2004 ihre hochwertigen Textilien auch in sogenannten "Guerilla-Stores"-Läden, die für die Dauer eines Jahres an ungewöhnlichen Orten mit geringstem Aufwand eingerichtet werden. Dem Vertriebskonzept liegt die Philosophie zugrunde, dass Orte nicht mit Ideen oder Atmosphären besetzt werden dürfen, sondern aus sich selbst heraus ein Statement des Authentischen formulieren müssen. Der erste temporäre Laden wurde in Berlin in einer alten Buchhandlung eröffnet, inzwischen folgten weitere weltweit, in Kopenhagen in einem Eiscafé, in Helsinki in einer ehemaligen Apotheke, in Hongkong und Singapore.
Ausblick
Der kursorische Überblick zur Praxis des Umbaus in Deutschland und Europa zeigt als entscheidende Veränderung der letzten Jahre die Hinwendung zum Gebäudebestand aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. Wenn nicht schon geschehen, wird in den nächsten Jahren nahezu alles, was in dieser Zeit im Zeichen wirtschaftlichen Aufschwungs und eines großzügigen Wohlfahrtsstaats an Bauten errichtet wurde, modernisiert, umgebaut oder abgerissen und neu errichtet werden: Sozialwohnungen und Eigenheime, die Gewerbe- und Bürogebäude, die Kindergärten und die Altenheime, die Schwimmbäder und Sporthallen, die Grundschulen und die Universitäten, die Hospitäler und die Kirchen, die Brücken und die Tunnel. Für fast alles lassen sich europaweit bemerkenswerte Projekte des Umbauens und Umnutzens finden. Hier liegt jetzt schon ein großes Arbeits- und Geschäftsfeld von Architekten und Bauwirtschaft - und es wird sich voraussichtlich dramatisch ausweiten. Die Verlagerung der Umbaupraxis auf eine weitgehend alltägliche Bausubstanz bringt eine neue konzeptionelle und gestalterische Freiheit mit sich, die es gestattet, das Vorgefundene weitgehend zu transformieren und es so zu verwenden und zu verwandeln, wie es gebraucht und gewünscht wird.
Johann Jessen und Jochem Schneider
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