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Meine Damen und Herren, lieber Martin, lieber Sven,

ich freue mich, heute mit Euch den Beginn Eurer Ausstellung über das Schloss Freudenstein mit dem Bergbauarchiv und dem geraden eröffneten Museum in Freiberg zu feiern. Denn ein bisschen fühle ich mich als Hebamme dieses Projektes. Damals, Ende 2004, habe ich als Vorsitzende des Preisgerichts das Projekt vehement unterstützt. Das war nicht einfach, eher eine schwere Geburt. Wir mussten viele überzeugen, um das, was im Entwurf steckte oder was wir darin zu lesen vermochten den Zweiflern zu vermitteln. Es war so gar nicht, was man sich vorgestellt hatte. Feste Bilder und fixe Vorbilder standen dem Entwurf entgegen. Umso schöner ist es, dass Ihr mit der gebauten Realität diese Bilder überholt habt! Gerade Euer Umgang mit der historischen Substanz passte nicht zu der Vorstellung von einem feinen, glatten Museum. In die bestehende, massive Holzkonstruktion habt Ihr neue Körper integriert. Die Holzkonstruktion wollte man jedoch von vorneherein entfernen, eine Integration war gar nicht vorstellbar. Speziell das Archiv erntete Unverständnis. Als gewaltiges Objekt sitzt es zwischen den historischen, tiefen Außenmauern und klammert sich mit "Tentakeln" entschuldigt, Ihr nennt es Hutzen an die Fassade. Von außen betrachtet lugen viele kleine Hutzen durch die Fenster wie Kameraobjektive und krallen sich fest an das massive Mauerwerk.

Uns habt Ihr überzeugt. Uns erschien der Entwurf kraftvoll und logisch nach innen, mutig und als ein raffiniertes Zeichen nach außen. Das Projekt ist radikal und sensibel zugleich. Der Umgang mit der historischen Substanz war eine Herausforderung, der Ihr Euch angenommen habt, um etwas Neues, ein Gesamtprojekt zu schaffen. Mit Sicherheit kann man allerdings nie sagen, ob das, was im Konzept so überzeugend ist, im Prozess der Umsetzung durchgestanden wird. Die Idee ist das Eine, das Materialisieren der Idee das Andere. Außerdem weiß man einfach nicht: Wie wird sich das weitere Miteinander zwischen Bauherr und Architekt entwickeln? Und wie wird sich dieses Verhältnis auf das Projekt auswirken? Die Preisträger müssen Hürden und Barrieren durchstehen. Der Wettbewerbsgewinn ist nur der Anfang eines langen Prozesses. Schließlich war es ein anonymes Verfahren und auch nachdem die Umschläge geöffnet waren, konnten wir damals nur sagen . junge und offensichtlich begabte und ambitionierte Architekten. Doch wer so ein klares Konzept macht, wird auch in der Lage sein, es umzusetzen. So war unsere Position! Zunächst wollte man dem Büro nur den Auftrag für die erste Leistungsphase geben und dann erst einmal weiter sehen. Umso mehr freut es mich, dass Ihr es verstanden habt, das Vertrauen der Bauherren zu gewinnen. Step by Step wurdet Ihr mit weiteren Teilen der Planung betraut und konntet sie in das Gesamtkonzept integrieren. Auch die Ausstattung des Gebäudes kam hinzu, inklusive der Ausstellungsgestaltung.

Jeder einzelne Teil dieses Entwurfs ist ein Baustein und gründet mit seiner Autonomie in der Gesamtidee. Damit sind wir beim Thema "Teile zum Ganzen", dem Titel dieser Ausstellung. Auch diese Ausstellung ist ein Teil, ein eigenständiges Werk im großen Kontext. Das ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil es sich bei Schloss Freudenstein um ein Ausstellungsgebäude handelt, das hier wiederum ausgestellt wird. Das Besondere dieser Ausstellung in der Architektur Galerie Berlin ist ihre ungeheuer kraftvolle Inszenierung. Neben dem schwarzen, objekthaften Modell ist das vor allem den eindrucksvollen Fotografien von Hans Christian Schink zu verdanken. Großzügig beherrschen sie den Raum. Obwohl die Ausstellung selbstverständlich AFF zeigt, wird sie durch die Art der Präsentation zu einem eigenständigen Statement. Als Teil der gesamten Arbeit von AFF spiegeln Modell und Fotografien eine gemeinsame gestalterische Konzeption wider: formale Freiheit und Reduktion auf das Wesentliche. Auf dieser Grundlage entwickeln die einzelnen Teile ihre Beziehung zueinander. Jedes Puzzlestück als eigenes Ganzes formt ein Bild, das eben mehr ist als die Summe seiner Teile. So ist die Ausstellung nicht nur eine Dokumentation, sondern ein eigenständiges Werk mit einer eigenen Perspektive und Bedeutung.

Als Architektin möchte ich jedoch auch unbedingt etwas über die konkrete Planung erfahren, wenn ich eine Architekturausstellung besuche. Für diese Informationen nehmen Sie das gerade erschienene Buch zur Hand. So können Sie in das Gebäude "einsteigen". Bei der Publikation haben die Architekten die gleiche Methodik angewandt: ein Teil zum Ganzen. Auch das Buch ist ein sorgfältig konzipiertes, eigenständiges Werk nicht nur eine Dokumentation. Und wenn man genau hinsieht erkennt man, dass selbst das Buch wieder aus verschiedenen, in sich abgeschlossenen Teilen besteht, die auch losgelöst voneinander bestehen können: Teil eins bildet ein Fotoessay von Hans Christian Schink. Darauf folgen verschiedene Texte und schließlich eine Dokumentation der Planung mit Details und dem Ausstellungsdesign. Eigenständigkeit lässt sich auch an den Details erkennen. Die Konstruktionsteile sind autonom und doch miteinander verbunden. Sie bilden durch ihren objekthaften Charakter eine Familie, die durch ihre Figuration zusammenhält. Die Balance dieser unterschiedlichen Pole auszutarieren, ein Thema zu entwickeln und frei zu deklinieren, darauf kommt es an bei guter Architektur.

Ihr habt Euch bei Eurem Entwurf sehr eingelassen auf die Themen Mineralogie und Bergbau. Themen mit einer Fundgrube für Assoziationen. Es gibt fossile Einschlüsse, versteckte oder nur punktuell sichtbare Elemente, aufgebrochene Erde, Kristalle im Dunkeln etc. Diese Bilder habt Ihr in Eurem Entwurf anklingen lassen und die entsprechenden gestalterischen Mittel dafür gefunden. So sind beispielsweise die Räume der Ausstellung sehr dunkel gehalten, damit die einzelnen Exponate deutlich hervorstechen. Oder Ihr habt den Beton so bearbeitet, dass er Spuren trägt wie das Erdreich nach der Suche von Bodenschätzen. Ein weiteres prägendes Element des Entwurfs sind die so genannten Hutzen, die ich schon zu Anfang erwähnte. Ursprünglich waren sie als Lüftungsschächte gedacht. Hier im Archiv wird das Verhältnis von Körper, Raum und Zwischenraum plastisch spürbar, eines der Hauptthemen der Architektur. Sehr grundlegend also.

Die Kunst eines Architekten liegt darin, eine Beziehung zu schaffen zwischen einer ästhetischen Qualität und der Funktion. Denn wir alle wissen: wenn wir Architekten über Schönheit nachdenken, dürfen wir nie über Schönheit reden. Wir müssen immer über eine Notwendigkeit reden und die Schönheit dann in der Notwendigkeit verpacken. Schönheit ist Schmuggelware. Das Thema der Mineralogie lässt zwar sehr viele Assoziationen zu. Es kommt aber darauf an, den spielerischen Umgang zu bändigen und der Fantasie mit einem wohlüberlegten Maß von Vernunft zu begegnen. Deshalb passt der Satz von Goya an dieser Stelle besonders gut: "Die von Vernunft verlassene Fantasie schafft unglaubliche Ungeheuer. Vernunft vereint mit der Fantasie ist dagegen die Mutter aller Künste und der Ursprung aller Wunder."

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