Abtauchen in die Welt des Bergbaus
Umbau des Schlosses Freudenstein zum Sächsischen Bergarchiv
Das Schloss Freudenberg im sächsischen Freiberg erfuhr schon
mehrfach in seiner wechselhaften Geschichte erhebliche Veränderungen. Nun wurde es von dem jungen Berliner Architekturbüro AFF zum Sächsischen Bergarchiv und zur Mineralogischen Sammlung der Universität umgebaut. Wenngleich die jüngste Transformation des Ortes kaum das äußere Erscheinungsbild des Gebäudekarrées veränderte, so steht sie doch in ihrer Radikalität früheren Verwandlungen
in nichts nach. Geradezu ein Lehrbeispiel für den Aufstieg und Verfall von Gebäuden ist das Schloss Freudenberg. Es zeigt, wie pragmatisch und respektlos selbst Repräsentationsbauten immer wieder umgenutzt und umgebaut wurden. Sein Ursprung war eine Burg des 12. Jahrhunderts, welche die Schätze der reichen Bergbaustadt Freiberg schützte. Zwischen 1566 und 1577 wich sie jedoch einem prächtigen Renaissanceschloss, das einem kurzlebigen, aber reichen sächsischen Herzogtum als Residenz diente. Dessen Verschwinden leitete seinen Niedergang ein, zu dem die Zerstörung seiner Inneneinrichtung im Siebenjährigen Krieg nur noch einen markanten Schlusspunkt setzte. Seiner Bedeutung und Reichtums beraubt, gab man danach das Schloss dem Militärfiskus, der es Ende des 18. Jahrhunderts zu einem Magazin umbaute. Rücksichtslos wurden niedrigere Speichergeschosse in die Schlossflügel eingezogen und die Renaissancefassaden ihres Schmuckes beraubt, deren Fenster kleineren Speicherfenstern wichen. Mit wenigen kurzen Unterbrechungen dauerte diese Nutzung bis zum Jahr 1979, als die örtliche LPG den Standort als Getreidespeicher aufgab. Bis 2004 folgten Leerstand und zahlreiche Besitzerwechsel, bis das Schloss in den Besitz der Stadt Freiberg über-
ging.
Gemeinsam mit dem Land entwickelte man eine kulturelle
Nachnutzungskonzeption. Für das Sächsische Bergbauarchiv mit
106000 Karten und 4600 m Akten sowie die Mineraliensammlung der
Freiberger Universität suchte 2005 ein europaweiter Wettbewerb eine
architektonische Lösung.Mit einer mutigen Haus- in- Haus- Konzeption im früheren Kirchenflügel gewann das junge Architekturbüro AFF - bestehend aus den
Brüdern Martin und Sven Fröhlich sowie Alexander Georgi - den
Wettbewerb. Für seine Realisierung blieb aufgrund auslaufender Fördermittel nur drei Jahre Zeit. Die Architekten räumten den Kirchenflügel des Schlosses völlig frei. Es blieben nur die Außenmauern, die
Kellergewölbe, der Dachstuhl sowie Teile des Erdgeschosses erhalten. Einen mächtigen, skulptural geformten und bearbeiteten Archivkörper aus Beton stellten sie in den Flügel ein, der sich nun in fünf Metern Höhe über den Lese- und Ausstellungsbereich des Bergbauarchivs erstreckt und deutlich Abstand zu den Außenmauern wahrt.
In zwei Bauabschnitten entstand der mächtige Betonkörper aus
zwei Stahlbetonkernen, auf 13m voneinander entfernten "Füßen“ ,
um während des Bauprozesses nicht die Stabilität der Außenwände
zu gefährden. Dabei wurde die Anordnung der beiden "Füße" so
gewählt, dass die historisch wertvolle Bausubstanz in den Kellergewölben weit gehend verschont blieb. Nicht nur den größten Teil der
Stabilisierungs- und Vertikallast, sondern auch alle vertikalen Infrastrukturen nehmen nun die "Füße" auf.
Darüber hinaus wurden Lastverteilungsbalken auf dem Niveau des Fußbodens im Erdgeschoss eingefügt, die einen Teil der Vertikallasten über das unterirdische Gneismauerwerk abtragen, was die Eingriffe in die Kellergewölbe zu minimieren half. Auf vier Geschossen bietet der Körper nun 2000 qm Archivfläche. Sein anthrazit gefärbter Beton setzt sich deutlich von den weiß verputzten Oberflächen der alten Außenmauern ab. Da er in allen sichtbaren Bereichen scharriert wurde, verschwanden alle unliebsamen
Schalungsspuren der kurzen Bauzeit. In Verbindung mit dem ebenso
dunklen, aber glatten Sichtbeton des neuen, eingeschossigen Eingangs- und Verteilergebäudes im Schlosshof stellen sich nun bei den
Besuchern vielfältige Assoziationen an Stollen und Felsenkammern
ein.
Das markante Verschwenken des neuen Eingangkörpers, der die
Bewegung der ankommenden Besucher bricht, ist jedoch nur der
Auftakt für eine noch dramatischere Inszenierung, für das "Abtauchen " in die Welt des Bergbaus. Dank der Scharrierung gewann der unterseitig abknickende Archivkörper nicht nur eine betont raue Oberfläche, es wurden auch seine
glitzernden Quarzzuschläge freigelegt, die an edle Erzadern erinnern.
Sehr farbenfrohe und glatte Materialoberflächen erhielten dagegen
alle weiteren Funktionselemente unter dem mächtigen Wissensspeicher. Hinter einem glatten Sichtbetontresen präsentiert sich der Ausgabebereich des Studiensaals in leuchtendem Gelb, die Lesetische in
entmaterialisiertem Weiß und der Garderobenschrank in Pink. Die
Sonderlesebereiche im Studiensaal wurden in und unter einer futuristisch anmutenden Kommandobrücke positioniert. Mutig, aber auch gewöhnungsbedürftig ist die Ausführung der Innenräume. Neongrün ist etwa das neue Treppen- und Galerienatrium im Verwaltungsflügel entlang des zweiten, weitaus weniger repräsentativen Schlosshofes. Dessen äußere Erweiterung mit einem zweiten
"Stollen-Eingangsgebäude" fürs Personal enttäuscht.
Der große Quader für die Haustechnik, der banal wie brachial inmitten des Hofes gesetzt wurde, stellt sogar ein Ärgernis dar. Womit man schon bei der äußeren Erscheinung des Schlosses wäre, bei den zahlreichen "Hutzen',' den Luft- und Lichttentakeln, mit denen der Archivkörper durch die alten Öffnungen der Speicherfassaden in den Außenraum ausgreift. In grauem Stahlbeton ausgeführt, sind sie die einzigen weit sichtbaren Zeichen der letzten Verwandlung des Schlosses. Mit unterschiedlicher Ausrichtung über die Fassaden verteilt, bringen sie einerseits dessen Erscheinung zum tanzen und drängen andererseits Assoziationen zu dessen vergangenen fortifikatorischen Wurzeln auf. Als Zeichen des Wandels wecken sie die Aufmerksamkeit der Passanten für das lange verwaiste Schloss. Gestalterisch gelungen sind zweifellos die "Hutzen',' aber leider haben sie ihre ursprünglichen Funktionen verloren. Reines Dekor sind sie nun, nachdem die Archivare aus verständlichen Gründen weder Luft noch Licht von außen in den Archivkörper einzudringen erlaubten. Faszinierend und kurzweilig, aber wiederkehrend fast nur vom puren Willen zur Form motiviert sind die zahlreichen Eingriffe der jungen Architekten. Ihre gestalterischen Qualitäten demonstrieren sie mit wohl proportionierten Räumen und interessanten Oberflächenkontrasten. Im Inneren blieb von den Materialitäten und Strukturen des Altbestandes kaum etwas erhalten. Der Umbau des zweiten großen Schlossflügels für die Mineralogische Sammlung, die im Oktober ihre Pforten öffnen wird, besitzt da weit mehr Sensibilität, Reicher an Schnittstellen, Überlagerungen und Konfrontationen ist die Architektur dort, wo die wechselhafte Geschichte des Gebäudes noch materiell und strukturell auffindbar ist.
von Claus Käpplinger, Berlin
Links zu diesem Projekt: