Großform in Schlossmauern
Ein Traumauftrag für ein junges Büro: Ein Renaissanceschloss
soll zu einem Archiv- und Museumsgebäude umgebaut werden. Wobei "Renaissanceschloss" für Schloss Freudenstein
zwar richtig ist, aber doch in die Irre führt. In der Tat stammt
der größte Teil der vierflügeligen Anlage aus der Zeit von 1566
bis 1577. (Damals war der Vorgängerbau, eine Burg aus dem
12. Jahrhundert, durch einen Neubau ersetzt worden.) Doch
sind aus der Bauzeit kaum mehr als die Außenmauern erhalten, und es gibt keinerlei originale Innenausstattung mehr.
Die sächsischen Kurfürsten nutzten das Schloss in der Silberbergbaustadt Freiberg nie dauerhaft als Residenz, weshalb es
von Anfang an nicht sonderlich gut in Schuss gehalten wurde;
ein Inventar aus dem Jahr 1713 zeugt vom schlechten Zustand. Ab 1784 wurden die beiden Hauptgebäude, das "lange
Haus" und der "Kirchenflügel", zu einem Kornmagazin umgebaut.
Im Zuge dieser Umnutzung verloren die Gebäude ihre
gemauerten Innenwände und Decken; anstelle der Raumfluchten der Renaissancezeit mit ihren üppigen Geschosshöhen
wurde eine funktionale Speicherbodenkonstruktion aus Holz
zwischen die Außenmauern gesetzt. Daher das bis heute erhaltene bunkerartige Fassadenbild der Anlage: weitgehend
geschlossene Wandflächen, die lediglich durch liegende Fensterschlitze gegliedert sind. Fast zweihundert fahre, bis I979
diente Schloss Freudenstein als Getreidelager.
Nach der Wende dauerte es vierzehn Jahre, bis endgültig
entschieden war, für welchen Zweck das zusehends verfallende Ensemble am nordwestlichen Altstadtrand, das sich
nach verschiedenen Eigentümern nun wieder im Besitz der
Stadt befindet, instand gesetzt werden soll. Das Sächsische
Staatsarchiv-Bergarchiv Freiberg wird im Schloss unterkommen und im Kirchenflügel 48oo Meter Akten und Bergbücher,
I04.ooo Karten, Pläne und Risse, 63.ooo Fotos, 464 Dokumentarfilme und 18.ooo Bände Bibliotheksgut lagern - wertvolle
Dokumente der sächsischen Montangeschichte. Außerdem
stellt die TU Bergakademie Freiberg im langen Haus eine mineralogische Sammlung aus, die sie als Dauerleihgabe von der
Schweizer Pohl- Ströher- Mineralienstiftung erhalten hat und
die mit über 8o.ooo Exponaten als die weltweit größte private
Sammlung ihrer Art gilt.
Mit dem Konzept, die beiden Nutzer
jeweils in den Haupttrakten des Schlosses unterzubringen - das Bergarchiv im Kirchenflügel, die Mineraliensammlung im
langen Haus - entschied das Berliner Büro AFF Architekten
Ende 2004 ausgelobten Wettbewerb zum Umbau des Ensembles für sich (Heft 12.2oo5). Die Realisierung erfolgte unter hohem Zeit- und Kostendruck - die Stadt hatte die Kosten
auf 27 Millionen Euro gedeckelt, und die Fördergelder von EU,
Bund und Land standen nur innerhalb bestimmter Fristen zur
Verfügung.
Im Januar wurde das Schloss wie geplant dem Bauherrn übergeben, im Mai soll das Bergbauarchiv eingeweiht
werden, im Oktober die Mineralienausstellung eröffnen.
Vieles konnten die Architekten so umsetzen, wie im
Wettbewerb vorgesehen. Vermutlich haben sie die eine oder
andere konzeptionelle Änderung nicht zuletzt mit dem Hinweis auf das knappe Zeitbudget verhindern können. Das Innere des Kirchenflügels wurde, wie um 18oo herum schon
einmal, leergeräumt, dieses Mal, um einen freistehenden Betonkörper in die alten Mauern hineinzustellen - ein waschechtes "Haus im Haus".
Die alte Holzkonstruktion hätte die
Anforderungen an ein Archiv, vor allem was das Raumklima
betrifft, nicht erfüllen können. Auch von außen ist das neue
Innenleben ablesbar. Durch die alten Fensteröffnungen wurden Lichtschächte, von den Architekten als "Hutzen' bezeichnet, hindurchgesteckt, die laut Wettbewerbsentwurf Tageslicht in die Magazinbereiche bringen sollten. Tageslicht war
nun aber aus konservatorischen Gründen im Archiv überhaupt nicht erwünscht. Die Hutzen sind formal trotzdem wie
geplant ausgeführt worden. Sie fungieren als Verankerung der
alten Außenmauern am neuen Archivkörper. Dass die Lichtschächte quasi Verdunkelungsschächte geworden sind, befremdet vermutlich nur den, der die ursprüngliche Absicht
kennt. Jeder andere wird sich einfach über das originelle Fassadenbild freuen.
Schnell war klar, dass es aufgrund des knappen Budgets
nicht möglich sein würde, den eingestellten Betonkörper in
Sichtbetonqualität herzustellen.
So gaben die Architekten bei
der Ausschreibung erst gar kein Schalungsbild vor, sie ließen
den Beton lediglich mit anthrazitfarbenen Pigmenten dunkel
einfärben. Nach dem Ausschalen wurde die Betonoberfläche
in allen sichtbaren Bereichen scharriert, wodurch die Zuschlagstoffe freigelegt wurden - was eine mehr oder weniger gleichmäßig raue Oberfläche erzeugte. Das Ergebnis überzeugt, der
Betonkörper wirkt so kraftvoll, dass selbst die zu großen Teilen ausgebrochenen Kanten die Großform nicht "erweichen“
lassen.
Überhaupt ist überall im Haus der enorme Formwille der
Architekten spürbar, dem sie, überaus versiert im Umgang mit
Materialien, ungezügelt Ausdruck verleihen. Ihre Arbeit basiere "auf dem Verständnis von Architektur als etwas Objekthaften, lautet der erste Satz auf der Website von AFF Architekten. Und weiter: "Die Langeweile im Objekt stellt für uns
einen unerträglichen Zustand dar."
Tatsächlich mag sich beim
Besucher des Bergarchivs und des benachbarten langen Hauses, das allerdings erst nach Einbau der Mineralienausstellung
abschließend zu beurteilen sein wird, das Gefühl einstellen,
dass an der einen oder anderen Ecke ein bisschen viel Furcht
vor Gleichförmigkeit im Spiel war. Hier ist eine gebäudehohe
Betonwand durch eine ornamentale Schalungsmatrize strukturiert, da ein gefaltetes gelbes Stahlrolltor durch unzählige
"Hämmer und Schlegel", die Symbole des Bergbaus, perforiert
und dort eine Einbauschrankwand in grellem Pink gestrichen,
das auf den purpurnen Mantel verweist, den Kurfürst August
auf einem Gemälde von Cranach trägt. Nein, langweilig ist dieses erste große Projekt von AFF Architekten auf keinen Fall.
Von Jan Friedrich
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