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Zwischennutzungen

Ein bisher in den Handlungsansätzen der Städte sowohl in Ostdeutschland, vor allem aber in Westdeutschland weitgehend vernachlässigter Baustein in der Stadtentwicklung bildet die Zwischennutzung von Gebäuden und Brachen, die infolge des wirtschaftlichen Strukturwandels ihre angestammte Funktion verloren haben. Für erstklassige Lagen ("Filetgrundstücke") und nutzungsneutrale Gebäude findet sich in der Regel eine neue Nutzung einfacher als bei ökonomischen Grenzstandorten und Gebäuden, die nur mit erheblichem Umbauaufwand für eine dauerhafte neue Nutzung qualifiziert werden können.
Dennoch bilden gerade derartige Gebäude und Liegenschaften einen wichtigen Pool an Bausteinen, die zur Sicherung der Perspektiven und Strukturen der zukünftigen städtischen Entwicklung genutzt werden müssen. Eine mögliche Lösung für solche Situationen und für den Umgang mit leer stehenden Gebäuden unter schwierigen Rahmenbedingungen sind Strategien, bei denen zur Stabilisierung und Erweiterung der Nutzungsvielfalt auch Zwischennutzungen gezielt herbeigeführt werden. Zur Bandbreite der Möglichkeiten gehören sowohl Zwischennutzungen für fest definierte Zeiträume als auch Starternutzungen, bei denen die Phaseder Zwischennutzung als Probelauf für eine neue, längerfristige Nutzung dient, oder Interimsnutzungen, bei denen der Standort ohne feste Definition solange temporär genutzt wird, bis eine neue, längerfristige Nutzung feststeht.
Auch Eventnutzungen mit zeitlich befristeten Ereignissen und Ausstellungen zählen zu den Möglichkeiten und Konzepten, die auf der Basis von Zwischennutzungen zur Verfügung stehen. Der wirtschaftliche Strukturwandel und die demografischen Entwicklungen haben in den letzten Jahren zu neuen Brachflächen in vielen ostdeutschen Städten geführt. Der Umgang mit ihnen stellt heute oft noch ein Problem für die damit befassten Kommunalverwaltungen dar, obwohl mit einer temporären Gestaltung und Nutzung der Flächen in vielen Fällen die Chance genutzt werden könnte, städtebauliche Mängel zu beheben und neue Freiraumqualitäten zu entwickeln. Mit der Novellierung des Baugesetzbuchs 2004 wurde in der neu eingeführten Gestaltungsvereinbarung auch eine planungsrechtliche Grundlage für Zwischennutzungen geschaffen, ohne eine spätere andere Dauernutzung zu erschweren (BMBVS 2oo6 und 2007). Aktuell überwiegen bundesweit die Beispiele für eine Zwischennutzung von Freiflächen und Brachen deutlich gegenüber der von Gebäuden.

Dies gilt beispielsweise auch für Berlin, das in Deutschland ein Zentrum für diese Form der Zwischennutzung darstellt. Die Stadt hat vor allem Flächen und Räume zu bieten, durch zahllose Grundstücke, die teilweise sehr groß und in der Regel nicht genutzt, nicht bebaut und nicht beplant sind. Diese Flächenvielfalt ist ein Spiegelbild der Geschichte und des Strukturwandels dieser Stadt; sie setzt sich zusammen aus aufgebenen Bahntrassen, aus industriellen Brachen, aus Baulücken, aus rückgebauten Teilen von Großsiedlungen und aus Bereichen des ehemaligen Mauerstreifens. Die vielen Flächen ohne definierte Nutzung und Zukunft haben zu einer Diversifikation der Zwischennutzungen vor allem im öffentlichen, halbprivaten und privaten Raum geführt (Senat für Stadtentwicklung Berlin 2007). Darunter befinden sich auch initiativen von Privatpersonen, die explizit die Aufwertung der Wohnumfeldqualitäten in bestehenden Wohnquartieren zum Ziel haben und dieses Ziel als bürgerschaftliche Verantwortung in einem offenen Beteiligungsprozess verfolgen. Teilweise richten sich die Aktionsfelder dieser initiativen, die sich selbst als Garten-Piraten oder Guerilla-Gärtner bezeichnen, gezielt auf vernachlässigte öffentliche Flächen.
Die Zwischennutzung von Gebäuden ist in der Regel mit einem höheren finanziellen Aufwand verbunden als die Nutzung von Brachen und deshalb schwieriger zu realisieren. Vor allem für nicht kommerziell ausgerichtete Projekte bietet sich jedoch gerade durch die verschiedenen Formen der Zwischennutzung die Chance, mit eher geringem finanziellen Aufwand verhältnismäßig große Flächen in Gebäuden für neue Ideen nutzen zu können. Ohne die Belastung einer langfristigen finanziellen oder vertraglichen Bindung entsteht so Spielraum für innovative und kreative Konzepte, die auch das Risiko des Scheiterns leichter tragen können. Es entspricht diesen Zusammenhängen, dass der Begriff der Zwischennutzung bisher vorrangig auf das für Eigentümer und Nachfrager vordergründige Potenzial von Liegenschaften verweist. Das Ziel wirtschaftlichen Erfolgs wird für eine begrenzte Zeit zurückgestellt; an seine Stelle treten ideelle Gewinne, Aufwertung oder Erhaltung von Liegenschaften und die Perspektive einer Verbesserung der Realisierungschancen für eine langfristig auch wirtschaftlich erfolgreiche Wiedernutzung. Die mit Zwischennutzungen ebenfalls verbundene Aussicht auf eine nachhaltige Stadtentwicklung in Form einer Aufwertung des Stadtraums, eines Imagegewinns und einer Weiterentwicklung städtischer Quartiere steht bisher in Deutschland bei der Mehrzahl der Projekte eher im Hintergrund.

Diese Chancen sind vor allem aus Sicht der Kommunen interessant, obwohl Zwischennutzungen auch kein Patentrezept für die Revitalisierung und Weiterentwicklung von städtischen Quartieren darstellen können. Eine Analyse der vielfältigen Formen von Zwischennutzungen sowie der mit ihnen verbundenen Möglichkeiten wird in diesem Sinne erleichtert durch eine Unterscheidung zwischen ökonomisch orientierten und bei geeigneten Rahmenbedingungen wirtschaftlich stabilen Zwischennutzungen und solchen Nutzungen, die auch dauerhaft nur unterhalb des Marktniveaus agieren können. Projekte, die eher den ökonomisch schwachen Nutzungsarten zuzurechnen sind, scheinen den ursprünglichen Prototyp der Zwischennutzung zu bilden. Unter dem Gesichtspunkt vor allem der Ziele der Stadtentwicklung sind es aber gerade die Grenznutzungen, die zwar eine schwache, jedoch zukunftsfähige ökonomische Basis haben oder die diese Basis nach einer ersten Starterzeit erreichen können, die als Grundlage für ambitionierte Projekte der Revitalisierung und Weiterentwicklung von Quartieren im Umbruch geeignet sind. Damit gehen die mit ihnen verbundenen Chancen auch für die Eigentümer leer stehender Gebäude über deren bloßen Schutz, beispielsweise gegen Vandalismus oder fortschreitenden Zerfall, hinaus. Erfolg im Sinne einer Verstetigung von zunächst nur als temporär begrenzte Zwischenlösungen angedachten Nutzungen gibt es aber nicht nur im ökonomischen, sondern auch im kulturellen Bereich, wie verschiedene Projekte zeigen. Allerdings kann diese Kontinuität in der Regel nur dann erreicht werden, wenn es keinen Wettbewerb mit ökonomisch leistungsfähigeren Alternativen gibt und wenn die wirtschaftlichen Erwägungen des Eigentümers offen sind für Alternativen zu den herkömmlichen Pacht- und Mietverhältnissen.

Der Umbau des ehemaligen Straßenbahndepots in Weimar zu einer "Kulturfabrik" ist ein derartiges Beispiel. Bei den zum Wettbewerb eingereichten Umbaumaßnahmen stand die Verstetigung einer vorhandenen Zwischennutzung mithilfe neuer Akzente und einer weiteren Profilierung im Vordergrund.

Das bereits für verschiedene kulturelle Zwecke durch den Verein E-Werk e. V. genutzte Straßenbahndepot sollte als kulturelle Spielstätte und als Adresse für kulturelle Ereignisse in Weimar etabliert werden. Hierzu waren bauliche Veränderungen erforderlich, deren Finanzierung durch den Eigentümer des Depots, die Stadtwerke Weimar, übernommen werden mussten. Aufgrund der ökonomischen Rahmenbedingungen war es nicht möglich, dafür eine herkömmlich strukturierte Kosten-Nutzen-Erwägung zugrunde zu legen. Das vom Betreiber vorgeschlagene Konzept sah statt dessen vor, dass das finanzielle Budget der Baumaßnahmen zunächst vom Eigentümer gestellt wird. Es sollte ein Volumen erhalten, dass den rückzahlbaren Chargen aus den Einnahmen der zukünftigen Veranstaltungen in den nächsten zehn Jahren entsprach. im Zusammenspiel zwischen Nutzer, Eigentümer und Architekt war vor dem Hintergrund des damit erzielbaren, nur schmalen Budgets und der mit vielen Unwägbarkeiten verbundenen zukünftigen Entwicklung ein gehöriges Maß an Bereitschaft erforderlich, sich auf einen gemeinsamen Prozess zur Errichtung der geplanten Kulturplattform einzulassen.

Die in diesem Abstimmungsprozess der Beteiligten beschlossenen baulichen Maßnahmen legten durch einen Rückbau den Urzustand des Straßenbahndepots wieder frei. Neue Raumstrukturen entstanden durch die aufgestellten Seecontainer, die zugleich den weiterhin eher temporären Charakter der neuen Nutzung unterstreichen sollen. Das Profil der Kulturplattform greift das damit weiterhin vorhandene Werkstatt- Ambiente aus eigener Perspektive auf und integriert es in das Konzept einer "Kulturfabrik".

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