Lust an der Schwere
Eine Schutzhütte nahe dem Wintersportort Oberwiesenthal in Thüringen. Eigentlich kein Grund für großes Aufheben. Die Berliner Architekten AFF haben internationale Referenzen durchgespielt, das Nutzerverhalten in Frage gestellt und mit örtlichen Baumethoden experimentiert. Entstanden ist ein schönes kleines Haus, dessen Minimalismus den temporären Bewohnern Härte abverlangt.
Auf dem Redaktionsschreibtisch ein DIN A4-Umschlag: eines jener Kuverts, in dem alte Landkarten zu einem exotischen Innenfutter verarbeitet wurden. Der Umschlag enthält handgeschriebene Hinweise für den Ausflug auf eine Berghütte im Erzgebirge, gebaut vom Berliner Architekturbüro AFF. Zusammen mit einer „Deutschlandkarte Ost“ landet der Umschlag in meiner Reisetasche. Den Hüttenführer werde ich lesen, wenn ich in Tellerhäuser bin. Ein Satz hat sich bei der flüchtigen Durchsicht bereits eingeprägt: „Beim Verlassen der Hütte: Tür mit Manneskraft andrücken. Schloss zweimal schließen." Manneskraft, aha. Von Berlin bis Chemnitz sind es mit dem Auto zweieinhalb Stunden. Dann braucht es noch einmal eine Stunde nach Tellerhäuser, einem kleinen Ort wenige Kilometer entfernt von Deutschlands höchstgelegener Stadt Oberwiesenthal. Die letzten Kilometer in dichtem Schneetreiben.
Lust an der Schwere | Auf den Fotos, die Hans-Christian Schinck einige Wochen zuvor von der neuen Hütte gemacht hat, sieht man schöne blasse Gebirgsfarben und dazwischen, als gehöre er längst dazu, einen samtgrauen kleinen Betonbau. Es gibt Architekten, die sich gerne mit dem Provisorischen beschäftigen, und solche, die lieber mit Lasten hantieren. Martin und Sven Fröhlich interessieren sich für die Hermetik der Schwere. Für das Bergbaumuseum in Freiberg (Heft 10.2008) bauten Sie ein Modell, das das Archiv mit schießschartenartigen Wänden umhüllte, zugleich aber auch einen surrealen Kubus ausbildete. Die Hütte in Tellerhäuser ist zuallererst ein privates Ferienhaus, um am Fichtelberg Ski fahren und wandern zu können. Aber es ist auch ein Bau, dessen Entwerfer nach dem Wesentlichen suchen.
Massiver Druck | Kurz vor Dunkelheit passiere ich Tellerhäuser. Der Schnee am Rand der Straße stapelt sich zu weißen Mauern. Am Ortsausgang taucht ein grauer Block mit einer pyramidenförmig hochgezogenen, als überragenden Ecke auf. Eine wehrhafte Form, als hätte Paul Virilio ein weiteres Beispiel für seine „Bunkerarchäologie“ nicht am Atlantikwall, sondern nahe der tschechischen Grenze gefunden. Gerade noch so bugsiere ich den Wagen den Waldweg hinauf, ohne dass er zurück auf die Straße rutscht. Die Straßenfassade des Betonblocks der Hütte ist fensterlos. In einem Rücksprung sitzt eine massive Stahlbetontür. Ein lächerliches kleines Schloss für 200 Kilo Tür. Weder der Schlüssel noch die Tür bewegen sich. Ich drucke mit der Schulter gegen die kalte Wand. Erneute Versuche. Ein Geräusch, die Dichtungsgummis. Noch mehr Druck mit der Schulter. Der Schlüssel dreht sich.
Keine Spiegel, keine Spülung | Mein Anorak ist staubig, ich suche nach einem Spiegel. Natürlich finde ich keinen. Es gibt in der Hütte auch kein fließendes Wasser, keinen Boiler, keine Toilettenspülung, keine weiteren Türen. Stattdessen gibt es zwei Öfen, einen schweren Dielenboden, einen Plattenspieler, sorgsam verlegte Steckdosen, einen imposanten Holztisch mit großen Schubladen, Hartschaumplatten zum Sitzen und zwei stählerne Waschschüsseln mit einem schönen alten Kippmechanismus. Wenn man den Begriff eines architektonischen Minimalismus heute aktualisiert, so bedeutet er in etwa Folgendes: Aufreihen, was verzichtbar ist an Funktionen und Ausstattung. Dieser Liste eine andere, ebenfalls subjektive Liste der Notwendigkeiten gegenüberstellen. Wenn die Balance zwischen dem, was da ist, und dem, was fehlt, glaubwürdig ist - und das Verhalten der Besucher anstößt -, dann hat ein solcher Minimalismus seine Berechtigung.
Blaue Fenster | Als Sigurd Lewerentz 1969 in Malmö einen Blumenladen entwarf, konnte er nicht ahnen, wie wichtig der kleine Kiosk später für andere Architekten werden würde. Bauten von Diener, Meili, Kerez, um nur drei Schweizer zu nennen - kaum denkbar ohne den Blumenladen. Auch der Entwurf der Tellerhäuser bezieht sich auf Lewerentz. Zum Wald gibt es zwei riesige, mit einem hydraulischen Kippmechanismus zu öffnende blaue Fenster. Zu öffnen sind sie nicht, weil die Dichtung noch fehlt. Schade. Es gibt weitere, auffällige Fenster, die man auch nicht öffnen kann. Dunkle, blinde Sprossenfenster im Inneren der Hütte, die wie Bilder an den ursprünglichen Bungalow erinnern und sich in ausgeklügelter Weise auf die Abgussverfahren von Rachel Whiteread beziehen. Die Modere ist längst nicht mehr ein homogenes Set von Arrangements. Sie ist ein disparater Baukasten, aus dem man sich bedienen kann, um kräftige Positionen gegeneinanderzustellen und sich widersprechen zu lassen.
Träge Speichermasse | Die ursprüngliche Hütte war aus Holz und anfällig für Verrottung. Die neue Hütte ist aus Beton und sehr robust. Bei meiner Ankunft ist es sehr kalt. In einer Ecke verkrustet ein pelzigweißes Muster aus Eisblumen die Wand. Glücklicherweise gibt es zwei Öfen. Ein hippes Schweizer Edelmodell und einen recycelten Werkstattofen, Ich feuere mit beiden zugleich. Der Beton bleibt kalt. Speichermasse, so die Erfahrung, ist ein zähes, nur langsam zu beeinflussendes Medium. Schließlich hole ich den Obstbranntwein aus seinem Versteck hinter dem Geschirr. Es funktioniert.
Poröse Landschaften | Hunger nach körperlicher Anstrengung, das weiß man in der Tellerhäuser Dorfgaststätte, ist nur mit massiven Mitteln beizukommen. Das Schnitzel liegt auf einer üppigen Portion Pommes, darüber eine Dämmschicht aus Rahmchampignons. Radio Erzgebirge berichtet währenddessen vom Abfahrtslauf der Männer in Vancouver, ausführlicher, so scheint mir, als selbst die ARD dies tut. Das deutsche Ski- und Trainingszentrum Oberwiesenthal ist nicht weit entfernt, das mag ein Grund sein für die Kompetenz des lokalen Radios. Während die Industrie in diesem Grenzgebiet seit Jahrzehnten brachliegt, gibt es über den Sport und den Tourismus einen Anschluss an die Globalisierung. Aus der Zeit Gefallenes liegt neben dem Neuesten. Auch die kleine Hütte wirkt wie ein mutiger Verweis auf neue Möglichkeiten. Man muss sich nur trauen, solche Bausteine umzusetzen.
Kaye Geipel
Stahlbeton-Abguss
Die ursprüngliche Wochenendtaube aus Holz verkörperte alte Attribute der Geborgenheit. Das Holz, die kleinteiligen Sprossenfenster und die niedrige Raumhöhe prägten den leichten Bautyp “aus dem Katalog". Dem rauen Klima im Fichtelgebirge war dieser Schutzbau aus den siebziger Jahren jedoch nicht gewachsen. Wir entschieden uns, den Ersatzbau aus Stahlbeton auszuführen. Gewöhnlich assoziiert man Beton mit funktionalen Industriebauwerken und kalten Bunkern. Uns reizten aber gerade die plastischen Möglichkeiten des Baustoffs.
Formenbau | Neben den bekannten Kenngrößen des Betons unterliegt der Vorgang des Abgießens gleichermaßen den Parametern des Formenbaus, des Gussmaterials und dann auch der Kompetenz des ausführenden Gießers. Die Konstruktionszeichnungen und statischen Vorgaben erweisen sich dabei als annähernder Leitfaden und nicht als unabänderliche Bedienungsanleitung. Dass Glasscheiben keinem Schaldruck standhalten und durch Bleche ersetzt werden müssen, ist dabei eher ein geringes logisches Problem. Die größere Herausforderung resultiert aus der richtigen Zuordnung der Fugen, Aussteifungen und Abstandshalter sowie in der fachgerechten Zuteilung des Formtrennmittels. Dieses Wissen erfordert entweder eine lange intensive Planungs- und Testzeit oder ungeteilte Experimentierfreude der am Bau Beteiligten. Wir entschieden uns für das Letztere. Bei der Suche nach einer ausführenden Firma fanden wir uns viel mit erklärenden Gesprächen beschäftigt; beispielsweise konnte niemand genau sagen, wie viel Druck die bestehende Wandkonstruktion der Laube aushalten würde.
Mischungsverhältnis | Die Betonverarbeitung verlangt in den Bergen besondere Beachtung. Aufgrund der Entfernung zum nächsten Mischwerk wurde bereits in der frühen Planungsphase eine eigene Vor-Ort-Mischung in Betracht gezogen. Wir sahen uns alle schon zu gemeinsamen Trainingsstunden am Betonmischer mit Schubkarre und Schaufel verpflichtet. Am Ende kam es dann doch zur kompletten Lieferung, weil der plötzliche Wintereinbruch mit starkem Schneefall das Mischfahrzeug zur Umkehr zwang. Bei der Wahl der Zuschlagstoffe entschieden wir uns für den Splitt des einheimischen Phonolithsteinbruchs von Hammerunterwiesenthal, der einen hohen Mineralanteil mit Glimmereffekt aufweist und nach dem Ausschalen Analogien zum fragilen Naturell der Schneekristalle zeigt. Die Fügungen, Einteilungen und Strukturen der ehemaligen Holzlaube haben der flüssigen Betonmasse ein Gesicht verliehen, das auf besondere Art Geborgenheit vermittelt, weit weg von den neutralen Wandabwicklungen betonierter Keller.
Anja Fröhlich
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