Der Dreh mit den Hutzen Architektur: AFF verwandelt Schloss Freudenstein in Museum
Was ist eine Hutze? Eine Mischung aus Hund und Katze? Eine thüringische Form des Palavers? Eine schnittige Luftansaugvorrichtung für getunte Autos? Oder eine unappetitliche Spezies aus Walter Moer´s Fantasieland Zamonien? Das alles heißt tatsächlich Hutze, aber in einem Lexikon für Architekturelemente tauchte das Wort bisher noch nicht auf. Das mag sich nun ändern. Denn was die Architekten des Berliner Büros AFF, die das sächsische Schloss Freudenstein in ein Bergbaumuseum und Archivgebäude verwandelt haben, Hutze getauft haben, ist so prägnant, dass es durchaus einen neuen Begriff etablieren könnte: Weit aus den Fensteröffnungen herausragende flache Luft- und Lichtschächte aus Beton, die sich nach außen verjüngen. Diese Hutzen masern die Fassade des Schlosses im sächsischen Freiberg, verhelfen ihm zu einer unverwechselbaren skurrilen Ansicht, die zur wechselvollen Geschichte des Baus passt. Denn die ehemalige Wettiner-Residenz aus dem Jahr 1577 wurde nach der Verwüstung während des Siebenjährigen Krieges im 18. Jahrhundert in ein Militärmagazin mit flachen Holzböden umgebaut, diente später als Lazarett und in der DDR als Getreidespeicher. Entsprechend besitzt der imposante vierflüglige Bau weder große Schlossfenster repräsentative Säle und kaum Dekor, was ihn für einen modernen Umbau in ein Archiv und Museum sehr gefügig machte. Der eine Flügel wurde komplett entkernt und mit einem großen schwarzen Betonkörper aus Stelzen für das Sächsische Bergbauarchiv gefüllt, welcher durch die Hutzen in der Fassade verankert ist. Im Museumsflügel, in dem seit Oktober eine der weltgrößten mineralogischen Sammlungen bestaunt werden kann, wurde dagegen von Russspuren an der Decke über alte Geländer und Speicherstützen so viel Substanz wie möglich aus der Speicherzeit des Baus bewahrt. Aber auch neu entworfene Details verweisen auf die Geschichte. Die verwinkelten Eingänge aus dunklem Beton und Glas richten sich nach dem Grundriss des ersten Burgbaus an dieser Stelle. Der Hofbelag zeigt die sieben in der Natur vorkommenden Formen der Kristalle als Ornamente. Der schwarze Beton des Archivkörpers wurde so behauen, dass er die Anmutung von Bergwerkswänden erhält, und für die Schließtore aus Metall wählten AFF das Symbol der gekreuzten Hämmer als Stanzform. Selbst die lila, gelb, grün gestrichenen Foyers sind nicht einfach Pop, sie beziehen sich auf die Farben mineralogischer Einschlüsse. Mit diesen Eingriffen im Geist einer fröhlichen Moderne hat das Büro die Schlossruine in einen Billanten der Museumsarchitektur umgeschliffen.
Von Till Briegleb
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