AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 1
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 2
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 3
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 4
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 5
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 6
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 7
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 8
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 9
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 10
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 11
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 12
AFF - Schloss Freudenstein, Freiberg - APB 2008 13

Freiberg in Sachsen – eine Stadt wie im Bilderbuch, die trotz ihrer nur rund 42.000 Einwohner gesegnet ist mit einem Dom, einem Renaissanceschloss, einer malerischen Altstadt und gleich zwei Weltrekorden: der ältesten Montanwissenschaftlichen Hochschule (Technische Universität Bergakademie Freiberg) und der größten privaten Mineraliensammlung. Seit 2008 werden im Schloss die kostbarsten Schätze der Stadt aufbewahrt: das Sächsische Staatsarchiv – Bergarchiv Freiberg und die Mineralogische Sammlung („Terra Mineralia“) der TU Bergakademie Freiberg. Wie sie dort inszeniert werden und welche räumlichen Erlebnisse dem unbedarften Besucher darüber hinaus geboten werden, das wäre in einem so beschaulichen Städtchen nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

Wer sich Schloss Freudenstein über den großen Vorplatz nähert, der als Parkplatz ein wenig rühmliches Dasein fristet, der wird zunächst nur dezent darauf hingewiesen, dass sich hinter den stattlichen Mauern neues Leben regt. Bevor das schon mehrfach umgebaute Schloss von 2005 bis 2008 saniert und für seine neuen Nutzungen hergerichtet wurde, hatte das äußerlich nun wieder in strahlendem Weiß erscheinende Gebäude fast 200 Jahre lang als Getreidelager gedient. Wie ein Relikt aus jener Zeit wirken die sonderbaren Wanddurchbrüche aus Betonfertigteilen, die schon beim Anblick der südlichen Zugangsseite des Schlosses ins Auge fallen, doch die Hoffassade des sogenannten Kirchenflügels geradezu dominieren. Tatsächlich akzentuieren die ornamentalen Öffnungen in den Fassaden, von den Architekten als „Hutzen“ bezeichnet, die übriggebliebenen Speicherfenster, sie dienen aber darüber hinaus auch einem ganz profanen Zweck: der Verankerung der Renaissancefassaden in den gewaltigen Neubaukörper im Inneren des Schlosses, der sich zunächst nur als ausgreifender Eingangsappendix zu erkennen gibt.

Wer sich in diese schräg aus der – im Erdgeschoss in ein Glas-Beton-„Fachwerk“ aufgelöste – Fassade schießende, innen in ein magisches Purpur ausgekleidete Betonskulptur hineinbegibt, der tritt ein in eine ganz eigene Welt, in ein „Haus im Haus“, das bei aller formalen Eigenständigkeit nicht gegen den Baubestand arbeitet, sondern mit ihm kommuniziert und immer wieder überraschende Ein- und Ausblicke gewährt.

Der gewaltige Baukörper aus scharriertem Beton, den das Berliner Büro AFF architekten dem Kirchenflügel eingeschrieben hat, birgt das Sächsische Bergarchiv mit Depoträumen,Verwaltung, Ausstellungsbereich und Lesesaal. Während das Depot, das einen Großteil der baulichen Intervention ausmacht, dem Auge des Besuchers weitgehend verborgen bleibt, ist der Lesebereich öffentlich zugänglich und von einer kontrastreichen Innenraumgestaltung geprägt: Weiße, sehr filigrane Tische und Stühle und die weiß verputzten Innenflächen der massiven Außenwand vermitteln eine ruhige Atmosphäre, als Blickfang dient dagegen der durch ein grelles Gelb zusätzlich akzentuierte Aufsichts- und Ausgabebereich unter der hier auskragenden Betonskulptur. Einen deutlichen Kontrast wählten die Architekten, außer im Eingangsbereich und im Lesesaal, schließlich auch im Verwaltungstrakt des Bergarchivs: Dort ist das Atrium, der schönste Raum des neu eingefügten Baukörpers mit einer „Treppenskulptur“ mit integrierter dezenter Handlaufbeleuchtung, in ein sattes Grün getaucht.

Die nicht im Erdgeschoss ausgestellten – in von den Architekten entworfenen, ihrer eigenen Bauskulptur formal verwandten Vitrinen dargebotenen – Schätze des Bergarchivs lagern in einem voll klimatisierten mehrgeschossigen Depot, welches das Herzstück der baulichen Intervention bildet. „Von außen“, das heißt vom angrenzenden Foyer bietet sich ein atemberaubender Blick auf den anthrazit eingefärbten Betonkubus, den keine Öffnung beeinträchtigt. Ganz bewusst spielen die Architekten an dieser und auch an so mancher anderen Stelle mit der Assoziation eines Bergwerksschachts, der hier allerdings in ein sanftes Licht getaucht ist. Mancherorts ist noch die ursprüngliche – bzw. im Zuge früherer Umbaumaßnahmen nachträglich eingefügte Baukonstruktion zu erleben. So sind noch Reste des alten Speichertragwerks (massive Holzstützen und -balken) ebenso sichtbar wie eine freigestellte ehemalige Außenwand mit Bruchsteinmauerwerk und Ziegelhintermauerung.

Die freigelegten Schichten des Schlosses dokumentieren seine eigene facettenreiche Geschichte, der die Architekten des jüngsten und umfassendsten Umbaus ein neues, besonders eindrucksvolles Kapitel hinzugefügt haben. Den nördlichen Flügel des Schlosses haben sie für die Mineralogische Sammlung hergerichtet, die über 80.000 Exponate umfasst. In der ehemaligen Ritterküche wurde eine „Schatzkammer“ mit besonders beeindruckenden Stücken eingerichtet. Die Ausstellungsarchitektur mit ihren markanten Vitrinen greift wiederum das Thema der dem Kirchenflügel eingefügten Betonskulptur auf. Eine markante Beleuchtung rückt die Mineralien in ein manchmal fast unwirkliches Licht, und da keinerlei sichtbare Technik den Raumeindruck stört, können die Exponate, die Vitrinen und die Ausstellungsräume selbst eine größtmögliche Wirkung entfalten.

Die notwendige Klimatechnik wurde geschickt in einer leicht geneigten Deckenfläche untergebracht, welche die optische Erscheinung des Raumes nicht weiter beeinträchtigt. So unterschiedlich die baulichen Interventionen für zwei allerdings auch sehr verschiedene Nutzungen ausgefallen sind, lassen sie doch die eine Handschrift erkennen , die hinter dem Entwurf von der Großskulptur aus Beton bis zur kleinste Vitrine steckt. Mit ihrem erfrischend unbekümmerten Vorgehen, mit ihrer betont modernen Formensprache und ihren gezielt gesetzten Akzenten – wie zum Beispiel den „Hutzen“ und den farblichen Interventionen haben die Architekten einmal mehr bewiesen , dass beim Bauen im Bestand nicht ängstliche Anpassungsarchitektur geboten ist, sondern ein bewusster Kontrast zwischen Alt und Neu, der sowohl dem Bestand seine Würde als auch den baulichen Ergänzungen ihre eigene Formensprache gewährt. Auf diese Weise kann selbst aus einem vergleichsweise unspektakulären, weil durch vielfache Umbauten verunklarten Bauwerk mit allerdings interessanter Vorgeschichte ein wahrhaft großes Werk der Architektur werden – und ein beschauliches Städtchen mit beeindruckendem Baubestand aus früheren Jahrhunderten im Hier-und-Jetzt einer avantgardistischen Architekturmoderne ankommen.