projecticon

PAVILLONS KARL-MARX-ALLEE

  • BERLIN
  • STATUS: IN PLANUNG
    BGF: 6.000 QM
    BRI: 25.500 CBM
    JAHR: 2020-2023

PAVILLIONS AN DER KARL-MARX-ALLEE Im Herzen von Berlin ist das Gebiet der Karl-Marx-Allee ein bedeutendes städtebauliches Ensemble der Nachkriegsmoderne. Sein geistig kulturelles Erbe sowie seine bauliche Umsetzung ist Teil einer Entwicklungslinie, die dem Motto „Eine neue Stadt für eine bessere Gesellschaft“ folgte. Im Prozess des Wiederaufbaus Berlins nach dem 2. Weltkrieg folgen besonders die Planungen in diesem Gebiet dem Ideal, für das Neue Berlin die Kriegszerstörungen als auch das „Chaos“ der alten Stadt des 19. Jh. zu überwinden, aber auch die hygienischen Prinzipien und sozialen Ideen des „Neuen Bauens“ der 20er Jahre zu berücksichtigen. Sie basieren auf einem im Oktober 1959 ausgewählten Projekt von Dutschke und Collein. Es basiert auf Typenprojekten einzelner Gebäude, regelt die Freiraumkonzepte, legt Materialität und Farbe des Gebiets, formuliert ein Handels- und Infrastrukturkonzepte.
So spiegelt das Gebiet in exemplarischer Weise die Entwicklung der Industrialisierung des Bauens - insbesondere des Wohnungsbaus - der DDR wider, vom individuellen Entwurf zum Widerverwendungsprojekt, von der Typisierung einzelner Sektionen bis zu singulären Kulturbauten im Stil von Pavillons. Es steht für ein Paradigmenwechsel im Städtebau der DDR durch die Abkehr von stalinistischen Ideen nach dem Tod Stalins 1953 und dem Parteitag der KPdSU 1956. Die damit verbundene Liberalisierung eröffnete die 2. Moderne - das Anknüpfen an die Traditionen des Neuen Bauens, des Konstruktivismus und des Funktionalismus der 20-er Jahre. Die Idee des „sozialistischen Wohnkomplexes“ muss als Antwort der DDR auf die Planungen des Hansaviertels in Westberlin von 1957, also Teil der Auseinandersetzung im Kalten Krieg - ein Stück „gebaute Ideologie“ gelesen werden. Im Planungsbereich wurde der Straßenraum der Allee durch 10-geschossige Plattenbauten des Typs QP59 städtebaulich auf eine Breite von 120m gefasst. Dem städtebaulichen Entwurf von 1959 folgend, verengen geplante Pavillonbebauungen diesen Straßenraum partiell auf ca. 72m und fasst so die als „Cour d’honneur“ vorgesehenen Grünflächen vor den Hauseingängen der Plattenbauten. Der Masterpan wurde jedoch nicht in allen Bereichen realisiert, Teilbereiche wie z.B. das Haus des Lehrers wurden modifiziert und nicht alle der geplanten Pavillons wurden errichtet. Damit entstand eine nachhaltiger Qualitätsverlust bei der Wahrnehmung der städtebaulichen Vision. Die Errichtung der fehlenden Pavillons folgt daher das Ziel diese Lücke zu schließen. Es will als denkmalpflegerischer Städtebau und zeitgenössische Ausführung verstanden werden.

BAUKASTEN Die neuen Pavillons greifen mit ihrer modularen Komposition auf das konstruktive Prinzip der Moderne zurück. Modulare Stützen, Riegel und Industriedecken sind die tragenden Elemente des Baukastensystems, mit dem eine Brücke geschlagen wird zwischen den Grundgedanken der Vorfertigung und der architektonischen Verantwortung der Zeit zur Effizienz der Mittel. Der Anspruch zielt nicht nur darauf, gestalterisch kulturelle Fragen, sondern auch technisch ökonomische zu beantworten. Die Architektur wird zum elementaren Gefäß in dem der Ausbau durch die Nutzer erfolgt.

MATERIAL UND TEXTUR Mit den repetitiven Elementen des konstruktiven Systems wird auf die Vielfältigkeit des Baustoffs Beton verwiesen, dabei wird recycelter Beton für die Konstruktion und Dämmbeton für die modulare Wandkonstruktion verwendet. Dieser ambivalente Gebrauch von Massivität und Reliefierung bildet eine zeitgemäße und gleichzeitig effiziente und ökonomische Übersetzung der Struktur der bestehenden Pavillonfassaden. Die Vielfalt der Oberflächenbehandlung referiert nicht nur auf den ornamentalen Ansatz der historischen Pavillons, sondern spiegelt vor allem eine weiterentwickelte Formensprache wider. Die visuelle Varianz der taktilen Oberflächen ist Ausdruck elementarer Architektur und Konstruktion. Das Material selbst wird zum Erzähler.

NACHHALTIGER AUSBAU Die feste Hülle des Baukastensystems offeriert variable Ein- und Ausbauten aus nachhaltigen Baustoffen. In ihrer Flexibilität und räumlichen Ausdehnung wird sie erst durch den Nutzer selbst festgelegt. Innenwände lassen sich flexibel ein- und ausbauen und folgen dem Raster der konstruktiven Hülle. Mit dem Konzeptansatz der Veränderbarkeit kann auf die wechselnden Ansprüche der Nutzer reagiert werden, wobei einer Umnutzung gegenüber dem Abriss immer der Vorzug gegeben wird. So können unterschiedliche Nutzer selbst zu Akteuren bei der Gestaltung der neuen Pavillons in der Karl-Marx -Allee werden.

IDENTITÄT UND HOMMAGE Baudekor, wie wir es von den U-Bahnhöfen, Kinosälen und anderen öffentlichen Gebäuden aus der Zeit des Wiederaufbaues der DDR kennen, soll in den Pavillons für ausgewählte innere Raumzellen verwendet werden und findet sich im Thema der als Kabinette ausgekleideten Stadtsalons wieder. Dekor und Gestaltung stehen so im Einklang mit dem Nutzer. Traditionell gehen diese Werke auf Entwürfe bildender Künstler zurück, wie das Relief an der Fassade des Kinos International und gaben jedem Bau seine individuelle Erscheinung. Zur Fortsetzung dieser Tradition soll die Identität nun im Inneren der neuen Pavillons entstehen. Eine Einheit wird durch den kollektiven Gedanken der äußeren Gleichheit im städtischen Raum gebildet.